Forschungsprojekt: Vergleichende Untersuchung
von Koch- und Placidus-Häusersystemen

I. Grundsätzliche Überlegungen

1. Quantitative (Messung) und qualitative Daten (Symbole)

Es gibt eine ganz besondere Art einen Menschen wahrzunehmen, über ihn nachzudenken und ihn zu verstehen. Man nennt diese besondere Denk- und Wahrnehmungsweise heute den "verstehenden Zugang" zum Menschen. Dieser steht im Gegensatz zum "messenden Zugang": Naturwissenschaften repräsentieren den messenden Zugang zur Welt, die naturwissenschaftliche Schulmedizin sowie der Behaviorismus, die verhaltensorientierte Psychologie, den messenden Zugang zum Menschen.

Der messende Zugang ist faszinierend einfach: Es gibt nur drei Größen im Universum, die messbar im strengen Sinn des Wortes sind, nämlich die Masse in kg, die Länge in m und die Zeit in sec.

Alle naturwissenschaftlichen Messungen resultieren aus diesen drei Urmessvorgängen und alle physikalischen Messergebnisse lassen sich in den drei Größen m, kg und sec darstellen. Alle anderen physikalischen Größen wie Stromstärke, Spannung etc. sind abgeleitet und lassen sich ausnahmslos auf das sog. MKS-System zurückführen (Meter-Kilogramm-Sekunde-System).

Während meines Studiums in München gab es einen Professor, der ein Semester lang in seiner Physikvorlesung demonstrationshalber nur das MKS-System benutzte. Es war schließlich enorm komplex, aber jede physikalische Größe ließ sich so darstellen.

Es mag erstaunlich wirken, dass im ganzen naturwissenschaftlichen Kosmos nur drei Messgrößen existieren, also nur drei "messbare Dinge" - und dass diese uns schließlich einen hochkomplexen "messenden Zugang" zur Welt mit so vielen wesentlichen technischen Erfindungen und Ergebnissen ermöglichen. (Dass konsequentes messendes Vorgehen ab einer bestimmten Komplexitätsstufe, nämlich in der Quantenphysik, die Grenze zur Welt der Deutungen und Symbole zu überschreiten scheint, also beide Welten vielleicht doch letztlich miteinander verbunden sind, wollen wir hier nicht weiter verfolgen.)

Es gibt aber noch einen völlig andersartigen Zugang zur Welt und besonders zum Menschen. Er beruht auf Einfühlung, Empathie, also auf der Fähigkeit des Menschen, sich mit einem anderen Menschen zu identifizieren und ihn so in seinem Inneren nachzuvollziehen, zu verstehen, u.U. auch nonverbal.

Heinz Kohut, der Schöpfer der modernen psychoanalytischen Selbstpsychologie, ging sogar soweit, nur Daten, die aus der Empathie gewonnen wurden, als psychologisch relevant anzusehen.

In der Tiefenpsychologie jedenfalls ist der verstehende Zugang zum Menschen der Königsweg, um wirklich zentrales Wissen über die Seele, die psychische Verfassung, die Psychodynamik im Innersten des anderen Menschen zu gewinnen. Der tiefenpsychologische "Messvorgang" ist also die Identifizierung, die empathische Einfühlung in die seelischen Vorgänge des Gegenübers. Und das "Messinstrument" sind wir Menschen selbst.
Und das, was dabei "gemessen" wird, lässt sich nur in einer ganz bestimmten Form darstellen: im weitesten Sinne des Wortes – im Symbol!

Genauer gesagt lassen sich innere seelische Vorgänge, die Psychodynamik eines Menschen, am besten in einer Abfolge von Symbolen darstellen. So zum Beispiel in einem Traum, der eine Geschichte erzählt, die einen aktuellen Konflikt auf den Punkt bringt - allerdings in der Sprache der Bilder und Symbole, die wir dann deuten müssen. Ebenso lassen sich zentrale archetypische Konflikte des Menschen in Märchen und Mythen darstellen, also in Geschichten, in die Menschen und Götter verstrickt sind. Deshalb lässt sich die Mythologie als erste und früheste Psychologie der Menschheit auffassen: in ihren Bildern und Symbolen spiegeln sich die Grundkonflikte, Lösungsformen und Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen.

Auch das Horoskop ist ein komplexes Symbolsystem, stellt das Innere des Menschen, seine Psychodynamik, in der Sprache der Symbole und Bilder dar. Also müssen seine Aussagen auch gedeutet werden. Das Horoskop macht also, wie alle Symbolschöpfungen, keine konkreten, quantitativen (messbaren) Aussagen über den Menschen, etwa über seine Größe, sein Gewicht, einzelne Handlungen und auch nicht über einzelne konkrete Ereignisse, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Es macht vielmehr bildhafte (zu deutende) Aussagen über grundsätzliche Motive und Aufgabenstellungen im Leben des Menschen.

Geht man von quantitativen, klassisch naturwissenschaftlichen Beweiskriterien aus, so haben alle Systeme, die mit Symbolen arbeiten, die den Menschen über Deutungen zu erfassen bzw. zu verstehen suchen, die gleichen Schwierigkeiten. Das gilt für den gesamten Bereich der Tiefenpsychologie, der Psychoanalyse und besonders auch der Traumdeutung.

Zunächst einmal sind Symbole nie eindeutig, es gibt immer Deutungen aus verschiedenen Perspektiven, die zwar alle einen gemeinsamen Kern haben, aber doch in der Art, einen Konflikt zu erfassen oder auszudrücken, unterschiedlich sind, z.B. in der sprachlichen Darstellung verschiedene Bilder benutzen, in einem Fall vielleicht mehr religiös gefärbte Bilder, im anderen Fall mehr solche aus dem Märchenbereich etc.

Insofern haben Psychoanalyse, Traumdeutung und Astrologie ähnliche Schwierigkeiten mit Beweisen der Richtigkeit ihrer Deutungen: weil sie alle mit Symbolen arbeiten und die Psychodynamik des Menschen erfassen wollen, d.h. die inneren Vorgänge in der Seele, die sich nur schwer quantitativ messen oder darstellen lassen.

2. Qualitative Einzelfalluntersuchungen

Wie bereits Prof. Mertens an der Uni München in den Achtziger Jahren gezeigt hat, ist es außerordentlich schwer, innere seelische Vorgänge statistisch zu erfassen. Mit den Mitteln der Statistik sind eher Massenphänomene zu erfassen: z.B. wie viele von 1000 Probanden (Untersuchungspersonen) sich mit einem Horoskoptext über sich selbst identifizieren können oder nicht.

Wie und warum der einzelne Testteilnehmer sich im Text wiederfindet oder nicht, fällt weg. Z.B. kreuzt ein Teilnehmer "ja" an, schwankt aber innerlich 51 zu 49 %, ob der Text auf ihn zutrifft. Alle diese Zweifel bleiben unberücksichtigt. Statistiker sagen nun, die Motive mitteln sich, das Pro und Contra gleicht sich bei einer großen Zahl von Probanden aus.

Das innere Pro und Contra einer einzelnen Person lässt sich aber erforschen, wenn man statt Statistik so genannte "Qualitative Einzelfalluntersuchungen" durchführt. Dabei wird eine einzelne Person intensiv befragt, in obigem Beispiel etwa, ob sie den Text überwiegend ablehnt oder nicht, bzw. welche Passagen sie ablehnt und welche sie sehr wohl für treffend hält. Dann kann sich z.B. herausstellen, dass eine Person eigentlich verschiedene Horoskoptexte (von verschiedenen Autoren) überwiegend für zutreffend hält, aber in allen Texten die jeweiligen Passagen über Aggression rundweg ablehnt. Und deswegen vielleicht sogar die Texte ganz verwirft, nach dem Motto: wer mir Aggressionen unterstellt, irrt sich grundsätzlich.

3. Bewusst und Unbewusst

Nun mag diese Person sich für besonders friedfertig halten. Aber im Horoskop hat sie z.B. Uranus Konjunktion Pluto in Opposition zum Mars als Querschläger (abgehängte Opposition), und auch alle Menschen, die persönlich mit diesem Probanden zu tun haben, sagen: "Oh Gott, mit dem will ich lieber nicht streiten". Der einzige, der dies nicht wahrnimmt, ist unser Proband selbst.

Psychologisch gesprochen ist die starke Aggression unbewusst.
Lässt man diese Person einen Fragebogentest ausfüllen, wobei sie auf einer Skala ankreuzen soll: "Haben Sie mit heftigen Aggressionen zu tun?" – Ja – mittel – Nein, so kreuzt sie sicher "Nein" an, zum Kopfschütteln aller Menschen, die sie kennen.
Dabei kann diese Person allerdings subjektiv die Wahrheit ankreuzen, also durchaus das, was sie wirklich empfindet, d.h. was ihr gegenwärtig bewusst ist.

Würde diese Person nun z.B. eine intensive und erfolgreiche Therapie machen und dabei auf ihr Aggressionsproblem stoßen, es bewusst werden lassen und sich wirklich damit auseinander setzen, so würde sie danach im gleichen Fragebogen "Ja" ankreuzen. D.h. die Wahrheit, die der Fragebogen misst, ist die Wahrheit des momentanen Bewussten.

Unser Problem dabei ist aber: Wir gehen davon aus, dass das Horoskop die Ganzheit des Menschen anzeigt, sein ganzes inneres Potential, unabhängig davon, ob es zu einem bestimmten Zeitpunkt bewusst oder unbewusst ist. Obige Person würde also bei einer Horoskopdeutung vor der Therapie die angezeigte Aggressionsthematik als falsch empfinden und die Astrologie als fraglich. Nach der Therapie würde die Person mit Verwunderung und Respekt zur Kenntnis nehmen, dass eine so schwierige und so lange unbewusste Thematik im Horoskop aufscheint, als zur Lebensaufgabe dieses Menschen gehörig. Dabei ist erschwerend, dass es kein zuverlässiges Kriterium gibt, um allein aus dem Horoskop zu ersehen, was zu einem bestimmten Lebenszeitpunkt bewusst ist und was nicht. Dabei dürfte natürlich der Bewusstseinszustand eines Menschen mit 18 Jahren anders sein als etwa mit 45 (da im Allgemeinen doch eine Bewusstseinsentwicklung stattfindet), also wird eine Befragung mit 18 andere Ergebnisse bringen als mit 45.

Tiefenpsychologisch gesehen muss also eine solche Einzelfalluntersuchung sich nicht nur um die speziellen inneren Motive des Menschen bemühen, sondern auch die Existenz des Unbewussten bzw. den vorhandenen Bewusstseinsgrad berücksichtigen.

Dies lässt sich im Allgemeinen recht gut bewerkstelligen, wenn man eine ausführliche Anamnese macht, d.h. die Lebensentwicklung des Menschen im Gespräch sorgfältig erfragt. Also spricht man z.B. darüber, was ein Mensch über seine frühe Kindheit weiß, wie es ihm in der Schule ging, wie die Pubertät verlief, die ersten Beziehungen, die Auseinandersetzung mit der Berufswahl etc. So erfährt man viel über Entwicklungen des Menschen und über seine Auseinandersetzung mit bestimmten Schwellensituationen des Lebens (z.B. Pubertät etc.) So lässt sich auch manches für den Beobachter/Fragenden erschließen, was dem Erzähler selbst noch nicht so bewusst ist. Dies gilt natürlich umso mehr, je vertrauter man mit der modernen Entwicklungspsychologie des Menschen ist (Für einen Überblick siehe die Artikelserie "Astrologie und Tiefenpsychologie" im Astrolog Nr. 46 bis 49, in der die Grundzüge der modernen Entwicklungspsychologie mit Bezug auf die Astrologie bzw. die Planetenstellungen dargestellt ist).


II. Konkrete Aufgabenstellung

Wir haben im Forschungsausschuss beschlossen mit einer ganz konkreten Fragestellung zu beginnen. Wir wissen, dass Astrologen mit verschiedenen Häusersystemen arbeiten, wobei Placidus (von altersher) und Koch (modern) die häufigsten sind.

Nun schwanken die Planetenstellungen ja im Wesentlichen nur in den Zwischenhäusern, d.h. in den fixen Häusern. Die vier Hauptachsen sind in diesen beiden (und den meisten anderen) Systemen im Wesentlichen gleich.

Es gibt also viele Horoskope, in denen alle Planeten in den beiden HS (Häusersystemen) in den gleichen Häusern stehen.

III. Forschungsaufruf

Alle Mitglieder bzw. Leser sind nun aufgerufen
Zunächst reicht Schritt 1 und 2.
Bitte meldet alle geeigneten Horoskope an API-International/Forschungsausschuss (Sekretariat Elke Gut oder Adresse Wolfhard H. König). Ev. wird dann eine Arbeitsgruppe entscheiden, wie bei der Befragung vorgegangen wird (Texte vorbereiten), bzw. wer der Interviewer sein soll (z.B. neutrale Person).

Falls Sie nämlich zwar eine geeignete Person kennen, selber aber befangen sind (z.B. bei Familienmitgliedern), so könnte die Untersuchung auch von einem anderen Teilnehmer der Forschungsgruppe vorgenommen werden.

Prinzipiell ist jeder interessierte Astrologe eingeladen an unserer Untersuchung teilzunehmen.

Achtung: Es wird gar nicht so einfach sein, geeignete Horoskope bzw. Testpersonen zu finden. Falls Sie also solche Daten haben, bitte nicht vorschnell befragen, so dass der Person unsere Fragestellung klar wird und die wissenschaftlich wertvolle Unbefangenheit verloren geht. Bei Personen, die die Fragestellung gut kennen (z.B. Astrologen) müssen wir noch mehr Aufwand bei der Anamnesenuntersuchung bzw. Untersuchung der Lebensgeschichte treiben).

Wichtigstes Anliegen ist also zunächst das Sammeln geeigneter Horoskope.
Dann können wir das weitere Vorgehen koordinieren.

Verantwortlich für den Inhalt: Wolfhard H. König, Präsident API-International